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100 Jahre - Der Countdown: 1918 - Es lebe die Republik!
9. November 1918: "Schamloser Verrat", tobt Deutschlands Kaiser Wilhelm II. im belgischen Spa. Die Nachricht über das Ende seiner Herrschaft ereilt ihn im deutschen Hauptquartier hinter der Front. "Die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe die Republik!", ruft der SPD-Abgeordnete Philipp Scheidemann wenig später vom Berliner Reichstag herab. Der Umsturz entstand aus der Niederlage: Im August war das deutsche Heer geschlagen, der Erste Weltkrieg verloren.
Es ist der Anfang der deutschen Demokratie - doch ihr stehen schwere Zeiten bevor: Reparationszahlungen an die Sieger, Hyperinflation, aber auch Umsturzversuche von rechts und von links. Wirklich begeistern kann sich kaum jemand für diese erste deutsche Republik: "Weimar" gilt im Rückblick als "Demokratie ohne Demokraten".
Die Dolchstoßlegende (auch: Dolchstoßlüge) war eine von führenden Vertretern der deutschen Obersten Heeresleitung (OHL) initiierte Verschwörungstheorie, die die Schuld an der militärischen Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg vor allem auf die Sozialdemokratie abwälzen sollte. Sie besagte, das deutsche Heer sei im Weltkrieg „im Felde unbesiegt“ geblieben und habe erst durch oppositionelle „vaterlandslose“ Zivilisten aus der Heimat einen „Dolchstoß von hinten“ erhalten. Antisemiten verknüpften „innere“ und „äußere Reichsfeinde“ dabei zusätzlich mit der Chimäre vom „internationalen Judentum“.
Diese Legende diente deutschnationalen, völkischen und anderen rechtsextremen Gruppen und Parteien zur Propaganda gegen die Novemberrevolution, die Auflagen des Versailler Vertrags, die Linksparteien, die ersten Regierungskoalitionen der Weimarer Republik und die Weimarer Verfassung. Sie gilt in der Zeitgeschichte als bewusst konstruierte Geschichtsfälschung und Rechtfertigungsideologie der militärischen und nationalkonservativen Eliten des Kaiserreichs, die dem Nationalsozialismus wesentliche Argumente lieferte und seinen Aufstieg entscheidend begünstigte.[1]
(Quelle: Wikipedia)
100 Jahre - Der Countdown: 1919 - Der diktierte Frieden
28. Juni 1919: Im Versailler Prunkschloss drängeln sich Regierungschefs. "Führen Sie die Deutschen herein!" Den Worten des "Tigers" folgt unheimliche Stille. Georges Clemenceau, Frankreichs Ministerpräsident, hat wirklich etwas Raubtierhaftes. Da erscheinen sie - die Deutschen. "Die waren todblass", so ein US-Diplomat, "erschienen nicht wie brutale Militaristen." Kaum jemand kennt Außenminister Müller und Kolonialminister Bell. Sie unterschreiben bedingungslos den Friedensvertrag. Dann folgen Vertreter der 27 Staaten, gegen die das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg führte. Der Vertrag von Versailles wird Sinnbild für ein nationales Trauma: Deutschland hatte alles verloren.
20 Jahre später beginnt Deutschland den fürchterlichsten aller Kriege überhaupt - den Zweiten Weltkrieg. Hitler schöpfte einen Großteil seiner Macht aus dem verletzten Stolz der Deutschen.
Gewaltfrieden Folge 1
Gewaltfrieden Folge 2
Herbst 1918: Deutschland hat den Ersten Weltkrieg verloren. Der Frieden muss geschlossen werden, doch zu welchem Preis? Die Revolution bricht aus und der Kampf um die Macht beginnt.
"Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legt" ruft Ministerpräsident Philipp Scheidemann empört. Mai 1919: Deutschland hat den Krieg verloren, seinen Kaiser gestürzt und die Alliierten stehen einmarschbereit am Rhein. Die "Schmachparagraphen" des Friedensvertrages, die dem deutschen Reich u. a. sämtliche Kriegsschuld, zahlreiche Gebietsabtritte und beispiellose Reparationszahlungen aufbürden, spalten die politischen und militärischen Lager. Die Streitfrage: Angebot annehmen oder kämpfend untergehen? Mit der schließlich am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal von Versailles unter den Vertrag gesetzten Unterschrift wird das monatelange Tauziehen beendet. War die Unterzeichnung des Friedensvertrages ein Fehler? Eines zumindest wird im Rückblick deutlich: Der "Gewaltfrieden" von Versailles und dessen Instrumentalisierung trugen bereits den Keim des noch viel grausameren 2. Weltkriegs in sich.
180 Minuten Film, 40 Hauptrollen und 260 Seiten Drehbuch bringen den Zuschauer zurück in die dramatischen Jahre 1918 und 1919.
Basierend auf Originaldokumenten, in der Tradition von "Hitler vor Gericht" und "Der Staat ist für den Menschen da", erzählt Regisseur Bernd Fischerauer in dem zweiteiligen die bewegende Zeit nach dem 1. Weltkrieg zwischen Waffenstillstandsabkommen und Friedensvertrag.
Rosa Luxemburg und die Freiheit
Sie stammte aus dem von Russland annektierten Teil Polens. Rosa Luxemburg (1871 bis 1919) wurde politische Aktivistin in einer Zeit, in der Frauen in Deutschland noch nicht wählen durften. Die Arbeiterbewegung in Europa befand sich im Aufbruch, Sozialisten wurden überall verfolgt. Schon in jungen Jahren kämpfte Rosa Luxemburg für die Rechte der Arbeiterschaft; ab 1898, nachdem sie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hatte, auch in der SPD des wilhelminischen Deutschland. Rosa Luxemburg war Jüdin, sehr gebildet, besaß einen scharfen Verstand und ein mitreißendes Temperament. Sie war eine großartige Rednerin und brillante Schriftstellerin. Konflikte scheute sie nicht. Bei Streitfragen innerhalb der SPD nahm sie eine radikale Position ein.
Ihr Engagement brachte sie wiederholte Male ins Gefängnis - verurteilt wegen Majestätsbeleidigung, Aufforderung zu Ungehorsam, Gefährdung des öffentlichen Friedens. Unermüdlich sprach sich Rosa Luxemburg gegen preußischen Militarismus und gegen die Aufrüstung aus. Als die SPD im August 1914 die Kredite für den Krieg bewilligte, brach sie aus Enttäuschung über den "Verrat" an der internationalen Arbeiterbewegung fast zusammen, dachte sogar an Selbstmord. Rosa Luxemburg, die auch dazu aufgerufen hatte, den Dienst an der Waffe zu verweigern, verbrachte fast die gesamte Zeit des Ersten Weltkriegs hinter Gittern. Doch auch dort blieb sie politisch aktiv.
Als am 9. November 1918 die Revolution in Deutschland ausbrach und die Monarchie gestürzt wurde, war sie zur Stelle. Im Gegensatz zu den nun herrschenden Sozialdemokraten, die eine parlamentarische Republik errichten wollten, traten Rosa Luxemburg und ihre Mitstreiter für eine sozialistische Revolution ein, nach dem russischen Vorbild von 1917. Rosa Luxemburg ging jedoch auf Distanz zur Leninistischen Diktatur.
Enttäuscht über die Politik der SPD, gründete sie zusammen mit Karl Liebknecht die Kommunistische Partei Deutschlands. Als ihr engster Mitstreiter im Januar 1919 zum bewaffneten Kampf für die Revolution aufrief, ließ die Regierung den Aufstand, der sich gegen die junge Republik richtete, blutig niederschlagen. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Köpfe der revolutionären Bewegung, wurden von Freikorps-Soldaten ermordet. Die sozialistische Revolution blieb aus. Die große Mehrheit der Deutschen stimmte für eine bürgerliche Demokratie - zunächst.
Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Reinhard Rürup
100 Jahre - Der Countdown: 1920 - Die große Prohibition
16. Januar 1920: Produktion, Transport und Verkauf von Alkohol werden in den USA von heute auf morgen verboten. Doch der verordneten Moral folgt maßloses Trinken: Alkoholsünder schleichen zu getarnten Kneipen, klopfen in Hinterhöfen an unscheinbare Türen. Gucklöcher gehen auf, Codeworte werden geflüstert. Eine halbe Million Amerikaner werden bis 1930 verhaftet. Auch Al Capone muss vor Gericht: "Ich verkaufe nur Bier und Whiskey an ehrbare Bürger", sagt der Gangster den Richtern ins Gesicht. "Leute wie Sie sind meine besten Kunden." Kriminalität, Schwarzhandel und Korruption feiern ein rauschendes Fest. 1933 wird das Gesetz aufgehoben. Alkohol ist heute weltweit die legale Droge Nummer eins.
Der Krieg ist vorüber, doch das Morden nimmt kein Ende: Nach dem Ersten Weltkrieg erlebt Deutschland eine beispiellose Serie politischer Attentate. Der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts im Januar 1919 folgen gezielte Anschläge auf gewählte Volksvertreter der jungen Weimarer Republik: das tödliche Attentat auf den Zentrumspolitiker und früheren Finanzminister Matthias Erzberger 1921 und die Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau 1922, sowie zahlreiche weitere Anschläge. Für die Morde an Erzberger und Rathenau ist eine paramilitärische Geheimorganisation verantwortlich, die "Organisation Consul" um den Freikorpsführer Hermann Ehrhardt: Ein Sammelbecken für Enttäuschte, junge Offiziere und Soldaten ohne Perspektive in Friedenszeiten. Ihr Ziel: die Demokratie zu erschüttern und die Ergebnisse des Ersten Weltkriegs, vor allem des Versailler Friedensvertrages, rückgängig zu machen.
Die zweiteilige Hochglanz-Dokumentation bringt mit detailgetreuen Spielszenen, Original-Dokumenten und Interviews neues Licht in diese "Verschwörung gegen die Republik" und präsentiert die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Drahtziehern und Hintermännern. Inszeniert als spannende Kriminalgeschichten zeigen die Filme am Beispiel der Attentäter, wie ein großer Teil einer fanatisierten jungen Männergeneration, die von der Schulbank zu den Waffen gerufen worden war, nach Kriegsende nicht mehr in eine bürgerliche Existenz zurück fand. Und viele der jungen Männer, die in Freikorps und Geheimbünden die Republik bekämpften, marschierten 1933 begeistert mit in den Reihen der Nationalsozialisten.
Das Attentat auf Matthias Erzberger
Er ist einer der meistgehassten Männer der Weimarer Republik: der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger. Denn er hat am Ende des Ersten Weltkrieges seine Unterschrift unter das Waffenstillstands-Abkommen gesetzt und die Friedensverhandlungen geführt. Ein Novum: Nicht Militärs, sondern ein Zivilist beendet den Krieg. Zwar mit ausdrücklicher Zustimmung der Heerführung, doch für weite Teile der Öffentlichkeit wird Erzbergers Name von da an sinnbildlich für die Schmach der Niederlage stehen. Rechtsgerichtete Republikgegner betrachten ihn als einen derjenigen Politiker, die den "im Felde unbesiegten Soldaten mit einem Dolchstoß in den Rücken gefallen sind" - immer wieder wird mit dieser "Dolchstoßlegende" genannten Geschichtsfälschung gegen Erzberger und andere Politiker Stimmung gemacht.
Heinrich Tillessen ist einer dieser Republikgegner, ein Soldat, der geschockt die deutsche Niederlage erlebt hat. Der junge Offizier fühlt sich zutiefst gedemütigt, als er auch noch an der Selbstversenkung seiner Flotte teilnehmen muss. Wie vielen Weltkriegssoldaten gelingt auch ihm die Rückkehr ins Zivilleben nicht. Er schließt sich den rechts gerichteten Freikorps an und wird Mitglied eines Geheimbundes, der "Organisation Consul", die vor allem ein Ziel hat: die Republik zu stürzen. Spektakuläre politische Morde sind ein Mittel zum Zweck. Matthias Erzberger, davon sind Tillessen und sein Komplize Heinrich Schulz überzeugt, ist ein "Volksschädling". Deshalb zögern die beiden auch nicht, im Sommer 1921 für die "Organisation Consul" einen besonders heiklen Auftrag anzunehmen.
Unaufhaltsam bewegen sich in der als spannende Kriminalgeschichte inszenierten Dokumentation die Lebenslinien des Opfers und der Täter aufeinander zu, bis es schließlich am 26. August 1921 in Griesbach im Schwarzwald zur tödlichen Begegnun
Berlin, 24. Juni 1922. Hinter Walther Rathenau, dem deutschen Außenminister, liegt eine lange Nacht: Bis in die frühen Morgenstunden hat er mit dem amerikanischen Botschafter konferiert. Wieder einmal war es um die drückenden Reparationszahlungen gegangen, die das Deutsche Reich den Siegermächten des Ersten Weltkrieges leisten muss. Als Rathenau um Viertel vor elf ins Außenministerium aufbricht, ahnt er nicht, dass dies seine letzte Fahrt sein wird.
Zur gleichen Zeit wartet in einer Seitenstraße der Königsallee ein Wagen mit drei jungen Männern. Die ehemaligen Offiziere Erwin Kern und Hermann Fischer sowie der Seekadett Ernst Werner Techow sind Mitglieder der OC, der „Organisation Consul“, eines Geheimbundes, der den Sturz der Republik zum Ziel hat. Für sie ist Walther Rathenau, der sich für den Ausgleich mit den einstigen Gegnern einsetzt, ein Vaterlandsverräter, zudem ist Rathenau Jude – ein Jude als deutscher Außenminister ist für die Rechten ohnehin kaum zu ertragen. Um kurz vor elf erreicht der Wagen Rathenaus die Straßenecke, dann geht alles ganz schnell: Schüsse fallen, eine Handgranate fliegt. Fünf Kugeln treffen den deutschen Außenminister in Brust und Hals, die Granate zertrümmert linke Hand und rechten Fuß. Rathenau stirbt in den Armen einer Krankenschwester, die zufällig am Tatort ist.
Helden während des NS-Regimes
Der Mord ruft Wut und Empörung im ganzen Land hervor. Schon nach wenigen Tagen ist die Identität der Mörder gelüftet. Einer wird bald verhaftet, die beiden anderen wenig später auf der Flucht in der Burg Saaleck erschossen. Ernst Werner Techow, der Fahrer, kommt vor Gericht, dazu auch einige der Hintermänner. Doch sie werden als Einzeltäter angeklagt, niemand wird wegen Verschwörung oder Landesverrates verurteilt. Schon 1927 sind alle wieder auf freiem Fuß. Und als 1933 SA- und SS-Männer in Saaleck aufmarschieren, um der Mörder des deutschen Außenministers zu gedenken, ist auch Ernst-Werner Techow dabei. Bis heute feiern Rechtsradikale das Grab der Mörder Walther Rathenaus als Gedenkstätte.
Der Abend des 8. November 1923: Mehr als 3.000 Menschen drängeln sich im dunklen Münchner Bürgerbräu-Keller. NS-Führer Adolf Hitler wartet sichtlich nervös vor dem Versammlungssaal, stürmt um 20.30 Uhr mit gezogener Browning hinein. "Er rannte zum Rednerpult, schoss mit dem Revolver in die Decke", erinnert sich Augenzeuge Günther Grassmann. Hitler erklärt die bayerische Regierung für abgesetzt. Einfach so. Grassmann: "Mir kam das alles extrem komisch vor. Wie ein Kasperltheater." Drei Monate später wird dem Putschisten der Prozess gemacht. Das Urteil: Fünf Jahre Festungshaft. Im Gefängnis schreibt Hitler das Pamphlet "Mein Kampf". Neun Monate später wird er entlassen, neun Jahre später Reichskanzler: Eine Machtübernahme mit verheerenden Folgen für Deutschland und die Welt - durch jenen Mann, den zur rechten Zeit keiner ernst nahm.
Adolf Hitler - Der Putsch von 1923- Dokumentation
Der Hitler-Ludendorff-Prozess - Dokumentarspiel
(dieses Video steht zu Zeit nicht zur Verfügung)
100 Jahre - Der Countdown: 1924 - Stalins Griff zur Macht
►Russische Revolution
21. Januar 1924: Wladimir Iljitsch Lenin, erster Regierungschef Sowjetrusslands, stirbt. Auf diesen Tag hat Josef Stalin sehnlichst gewartet. Als ZK-Generalsekretär schaltet er alle Konkurrenten um die politische Führung aus. "Der Stählerne" nimmt sogar Leo Trotzki, dem Gründer der Roten Armee, alle Parteiämter, jagt ihn ins Exil und lässt ihn Jahre später ermorden. "Stalin fühlte sich als allmächtiger, geheimnisvoller Gott", so Schriftsteller Ilja Ehrenburg. Fast 30 Jahre ist Stalin Herrscher der UdSSR. Mit Terror erzwingt er Gefolgschaft, lässt Millionen töten. Seine Gräueltaten zeigen, was Diktatoren einem Volk antun können. Beispiel von heute: Nordkorea.
100 Jahre - Der Countdown: 1925 - Chaplin im Goldrausch
Die große Suche nach dem Glück: Ein Vagabund zieht in einem Goldgräberzug westwärts - behauptet sich gegen Alaskas grimmige Kälte und rauhe Sitten ungehobelter Kerle, besiegt den Hunger mit seinem Stiefel, verspeist ihn mit den feinsten Tischmanieren: 1925 hat Chaplins Film "Goldrausch" in New York Premiere. "Ein einziger Mann auf dieser Welt kann Menschen fünf Minuten ununterbrochen zum Lachen bringen", jubelt BBC-Sprecher Uncle Rex: "Charlie Chaplin!" Seine Komödien bringen Hollywood Ruhm und Geld. Dieser Stadtteil von Los Angeles steht weltweit und bis heute für die Sehnsucht der Menschen, dem Alltag zu entfliehen.
100 Jahre - Der Countdown: 1926 - Die schwarze Venus
Dem Publikum im Théatre des Champs-Élysées stockt der Atem: Auf der Bühne steht ein Mädchen, schlank, dunkelhäutig, fast vollkommen nackt. Um ihre Hüften wippen - Bananen! Josephine Baker, 19 Jahre, Amerikanerin. In der Fassungslosigkeit setzt Musik ein. Und mit ihr ein Tanz, den selbst die Pariser noch nie gesehen haben: Erotik und Exotik pur. Der temperamentvolle Tanz trifft den Nerv der Zeit. Wie ein Fieber verbreitet sich der Charleston über Europa - Shimmy, Foxtrott und Onestep folgen. Die schwarze Venus wird zum Sinnbild der "wilden 20er-Jahre". Das Jahrhundert, in dem fast alle Tabus brechen, hat begonnen.
Gustav Stresemann (1878 bis 1929) wurde Reichskanzler, als die junge Weimarer Republik einmal mehr ins Chaos stürzte: im Krisenjahr 1923. Deutschland litt noch immer an den Folgen des verlorenen Krieges und des Versailler Vertrages. Frankreich und Belgien besetzten das Ruhrgebiet, um milliardenschwere Reparationen zu erzwingen und die Kontrolle über die wichtige Industrieregion zu gewinnen. Die Inflation erreichte ihren Höhepunkt. Kommunistische Aufstände drohten von links, die radikale Rechte forderte eine nationale Diktatur. Kanzler werden in einer solcher Zeit, das sei "eigentlich politischer Selbstmord", schrieb Stresemann an seine Frau.
"Vernunftrepublikaner" nannte man Köpfe wie ihn. 1918 hatte er den Sturz der Monarchie entschieden abgelehnt. Jetzt aber stellte er sich in den Dienst der Republik - nur sie konnte in seinen Augen die politischen und sozialen Zerwürfnisse im Deutschen Reich friedlich ausgleichen. In etwas mehr als 100 Tagen fällte Stresemann als Kanzler einer Großen Koalition wichtige Entscheidungen zur Rettung der Demokratie. Die Ruhrkrise wurde entschärft, die Inflation beendet, den Aufständen von links und rechts der Boden entzogen. Hitlers Putschversuch am 9. November 1923 endete im Kugelhagel der Polizei.
Als Außenminister für weitere sechs Jahre setzte Stresemann auf Verständigung mit Frankreich und ermöglichte Deutschland die Rückkehr in die Völkergemeinschaft. Er wusste, dass die Deutschen nur mit und nicht gegen Europa bestehen konnten. Doch sein Tod und der Schwarze Freitag, der 1929 die Weltwirtschaftskrise einläutete, markierten den Anfang vom Ende der Republik. Dass er so früh starb, sei "mehr als ein Verlust", es sei ein "Unglück", lautete ein Zitat jener Tage. Und so stellt sich noch heute die Frage, ob Stresemann den Untergang der Demokratie, die Machtübernahme Hitlers, hätte verhindern können, wenn er länger gelebt hätte.
100 Jahre - Der Countdown: 1927 - Der erste Ozeanflug
Mitten in der Nacht steht Charles Lindbergh auf, fährt zum Flugplatz. "Ich darf nicht länger warten", sagt er sich. Eine Wolkendecke hängt über Long Island, der Regen hat das Flugfeld in eine Rutschbahn verwandelt. Schwerfällig hebt die Maschine ab, knapp überwindet sie eine Telegrafenleitung, verschwindet dann im Nebel. Lindbergh kämpft gegen Wind, Wetter und Übermüdung - für den ersten Alleinflug über den Atlantik. Nach einer Ewigkeit entdeckt er Fischerboote, schreit hinunter: "Wo geht's nach Irland?" - Keine Antwort. Nach 33,5 Stunden landet Lindbergh in Paris - die Menschen feiern seinen Mut. Das Flugzeug wird zum fortschrittlichsten Verkehrsmittel, Kontinente verlieren ihre Dimension. Hunderte Maschinen pendeln heute täglich über den Atlantik.
Verrückte Jahre - 1928 - Die Jahrhundertmedizin
Der Londoner Bakteriologe Alexander Fleming macht Urlaub. Eine Kulturschale, in der er Bakterien angesetzt hatte, bleibt aus Versehen auf dem Arbeitstisch liegen. Winzige Pilzsporen landen in der Kultur. Als Fleming nach drei Wochen zurückkehrt, sind alle Bakterien in der Umgebung des Schimmelpilzes abgestorben. Der Forscher untersucht das Phänomen - und kommt einer Substanz auf die Spur, die viele Erreger schwerer Infektionskrankheiten tötet. Flemings Unachtsamkeit ist die Mutter einer der größten medizinischen Entdeckungen des Jahrhunderts: Penizillin. Im Zweiten Weltkrieg überleben Soldaten Verletzungen, die im Ersten noch tödlich waren. Bakterien haben ihren größten Schrecken verloren - heute hofft die Medizin auf einen ähnlichen Glücksgriff im Kampf gegen Viren, zum Beispiel AIDS.
Verrückte Jahre - 1929 - Der schwarze Freitag
New York, 25. Oktober: Leute, die gestern noch Millionäre waren, verhökern den Schmuck ihrer Frauen. Der Grund: Die Kurse an der Börse fallen ins Bodenlose, Panik greift um sich. Tumult auch auf der Straße: Wütende Kleinanleger versammeln sich in der Wallstreet. An diesem einen Tag werden mehr als 16 Millionen Aktien verschleudert, 5.000 Banken erklären sich für zahlungsunfähig, neun Millionen Sparguthaben existieren nicht mehr. Gesamtverlust: 50 Milliarden Dollar. Es kommt zur ersten Weltwirtschaftskrise. Am Ende des Jahrhunderts prosperiert der Aktienmarkt, Wertpapiere werden zur Rücklage für jedermann. Doch der Einbruch 1987 hat erneut gezeigt: Den großen Börsen-Crash kann es immer wieder geben.
►Zur Finanzkrise
Verrückte Jahre - 1930 - Gandhis Salzmarsch
Der alte Mann schlägt ein Tuch um seinen ausgemergelten Körper. Auf einen Stock gestützt bricht er auf, will zu Fuß die Küste am Arabischen Meer erreichen, 200 Meilen in 24 Tagen: Mahatma Gandhi. "Ich will das britische Volk durch Nicht-Gewalt bekehren", sagt er leise, "es so zur Erkenntnis des Unrechts führen, dass man Indien zugefügt hat." Tausende schließen sich unterwegs an. Am Strand von Dandi angekommen, sammelt er demonstrativ Salzkristalle auf. Mit diesem symbolischen Akt verletzt Gandhi bewusst das britische Salzmonopol - die Kolonialmacht England wird ins Mark getroffen. Sein Verstoß endet 14 Jahre später mit der Unabhängigkeit Indiens, der größten Demokratie der Welt. Gandhis ziviler Ungehorsam wurde Vorbild für viele im 20. Jahrhundert, zum Beispiel für die deutsche Friedensbewegung - passiver Widerstand statt Randale.
Verrückte Jahre - 1932 - Weimar am Ende
Stunde um Stunde steht der unbekannte Arbeitslose an diesem kalten Wintertag auf der Straße. Mehr als sechs Millionen Deutsche haben keinen Job, viele betteln vor Fabriktoren um Arbeit. Enttäuschte Hoffnung schlägt in Resignation um. Als Hitler an die Macht kommt, gibt es in der Waffenindustrie und im Autobahnbau plötzlich wieder Beschäftigung - eine zweifelhafte Leistung lullt die Massen ein.
Weltweit ist heute die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit die größte politische Herausforderung. Man hat gelernt: Ein Volk ohne Jobs fällt leicht auf selbst ernannte Heilsbringer herein. Am Ende des Jahrhunderts sitzen Rechtsextreme erneut in deutschen Parlamenten.
100 Jahre - Der Countdown: 1933 - Hitlers Machterschleichung
Berlin, 30. Januar 1933: Ein bitterkalter Wintermorgen, Menschen in Warteschlangen vor Wohlfahrtsküchen frieren bei minus 10 Grad. Plötzlich um halb elf: "Heil"-Rufe unter den Passanten - erst einzelne, dann immer mehr. In langen Mänteln fahren Hitler, Göring und Frick im offenen Mercedes zur Reichskanzlei. Kurz vor zwölf: Hitler schwört den Amtseid auf die Republik, Präsident von Hindenburg ernennt ihn zum Reichskanzler. "Die Masse ist wie ein Weib", sagt Hitler danach, "und als solche mache ich sie mir jetzt gefügig. Keine Macht der Welt wird mich hier jemals lebend wieder herausbringen." Den Verrückten durch Macht zu beschwichtigen, das war der vielleicht größte Irrtum der Weltgeschichte. In Hitlers "1000-jährigem Reich" erlebt Deutschland seine schwärzeste Phase - ein leichtfertig verschuldetes, bleibendes Trauma.
Deutsche Schicksalstage - Hitlers Machterschleichung
Aus der Reihe "Unser Jahr100"
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